Berlin: Lernen aus dem Blackout

Aus der Analyse des Schadenfalls ergeben sich Chancen für die Neudefinition der Leitungsauskunft in Deutschland.

Die Öffentlichkeit hat mit großer Neugierde von dem 31-stündigen Stromausfall in Berlin-Köpenick am 19. und 20. Februar 2019 in Berlin erfahren. Rund 31.000 Haushalte und 3.000 Gewerbebetriebe waren ohne Strom.

Die umfängliche Berichterstattung auf allen Kanälen hat gezeigt, wie schnell die Informationsverteilung mit digitalen Medien im Zeitalter des 21. Jahrhunderts möglich ist. Dies ist gut und zu begrüßen. Schnell war klar, dass nicht nur die Lichter in Teilen der Hauptstadt ausgingen, sondern auch „Leib und Seele“ betroffen waren: Teile des Köpenicker Krankenhauses mussten evakuiert, OPs verschoben und bei der Medikamentenkühlung improvisiert werden. Berlin erlebte den größten und längsten Versorgungs-Blackout in seiner Geschichte.

Nun ist es oft üblich, nachdem sich die Aufregung wieder gelegt hat, solche Ereignisse mit Besserwisserei zu kommentieren. Dies führt jedoch bekannterweise nur zu einer Abwehrhaltung der Betroffenen und endet damit ergebnislos. Dies wollen wir versuchen, in diesem Fall zu verhindern und gegenzusteuern.

Die Situation der Infrastruktur in Deutschland
Die Bundesrepublik Deutschland erlebt aktuell eine endlose Diskussion um den Netzausbau, der im Zuge der Energiewende gefordert wird, jedoch deutlich langsamer als geplant vorankommt. Mangelnde Verfügbarkeit von Kommunikationskapazitäten, Planungs- und Bauaktivitäten ohne absehbares Ende und das bei einem technischen Personalmangel verschlimmern die Situation erheblich. Dies ist vor dem Hintergrund bedenklich, dass Deutschland über eine der weltweit dichtesten leitungsgestützten Infrastrukturen für die Energieversorgung und Kommunikation verfügt.

Unsere vorhandene Infrastruktur muss mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln – und dazu gehört auch die Digitalisierung – erstellt, betrieben, erhalten und ggf. ausgebaut werden. Unfälle unterschiedlichsten Ausmaßes, im schlimmsten Fall mit Todesfällen, offenbaren immer wieder, dass Tiefbau ohne Kenntnis der dortigen unterirdischen Infrastruktur betrieben wird. In mehreren europäischen Nachbarstaaten ist es daher gesetzlich verpflichtend, sich im Vorfeld eines Bauvorhabens an einem singulären Anfragepunkt einen vollständigen Überblick über die betroffene Infrastruktur zu verschaffen. Moderne, digitale Technologien ermöglichen dem Anfragenden eine schnelle und zuverlässige, d.h. rechtssichere Auskunft. Eine Vorreiterstellung haben dabei die Niederländer mit ihrem bewährten KLIC-System zur zentralen Leitungsauskunft. In Deutschland zeigt sich, dass sich die föderale Struktur in der Gesetzgebung sowie die Vielzahl an Branchenverbänden äußerst schwertun, einen gesetzlichen Standard für die Leitungsauskunft zu schaffen.

Leitungsauskunft als Gemeinschaftsaufgabe
Im Jahr 2016 ist aus diesem Grunde das Bundesweite Informationssystem zur Leitungsrecherche (BIL) an den Start gegangen. Nahezu alle Fernleitungsbetreiber der besonders kritischen Medien Chemie, Öl, Strom und Gas haben sich mittlerweile dieser genossenschaftlich organisierten Initiative angeschlossen und sich mit unterstützenden Absichtserklärungen ihrer Branchenverbände ausgestattet. Das durch die Genossenschaft im Internet kostenfrei zur Verfügung gestellte Anfrageportal verzeichnet eine Mitwirkung von bereits über 70 Leitungsbetreibern aller Sparten und hat im Jahr 2018 mit über 100.000 Bauanfragen ein Vielfaches der Anfragemengen lokaler und kommerzieller Portale entgegengenommen.

Dieser eingeschlagene Weg ist richtig und alternativlos, aber noch nicht beendet, denn in Deutschland müssten bei mehr als 1 Mio. Bauaktivitäten pro Jahr theoretisch eine ähnliche Anzahl an Bauanfragen zu verzeichnen sein. Dies ist jedoch nicht der Fall. Derzeit werden die Anfragen größtenteils per (bilateralem) E-Mail- oder sogar noch Briefverkehr abgewickelt. Sie unterliegen der Herausforderung, alle Leitungsbetreiber zu erreichen. Dieses Ziel „Erreichung von Vollständigkeit“ wird aber leider oftmals nicht gewährleistet, da sich die Identifikation und Erreichbarkeit der Leitungsbetreiber für die Bauwirtschaft als äußerst mühsam gestalten.

Aufgaben für die Zukunft
Genau dieser Umstand war auch im Kontext zum Berlin-Blackout zu beobachten: Ob das Nicht-Einholen einer aktuellen Leitungsauskunft durch das verantwortliche Tiefbauunternehmen oder ggf. ein Versäumnis bei der Aktualisierung des Netzplans beim Leitungsbetreiber zum Vorfall führten, muss nun ein juristisches Verfahren klären.[1] Fest steht, dass durch die Anwendung moderner Kommunikations- und IT-Infrastruktur für Systeme, Prozesse und Daten für die Leitungsdokumentation und Leitungsauskunft dieser Schaden hätte verhindert werden können.

Genau für diesen Ansatz macht sich die BIL eG stark und setzt sich dafür ein, die folgenden drei Aufgaben zu bewerkstelligen:

  • Steigerung der Sicherheit im Tiefbau und der dortigen Mitarbeiter und Planer,
  • Funktionserhalt der Infrastruktur als Grundlage des Kerngeschäfts des Netzbetreibers,
  • Sichere und zuverlässige Versorgung von Bevölkerung und Industrie mit Energie, Daten und Versorgungsgütern über diese Infrastruktur.

Nun ist Leitungsauskunft im klassischen Sinne nicht nur eine Fragestellung im Kontext von Bauaktivitäten. Sie dient darüber hinaus jeder Art von Identifikation von Leitungslagen bspw. im Rahmen der Energiewende, die eine Spannungserhöhung auf Hochspannungsleitungen induziert oder beim Ausbau der Breitbandnetze. In beiden Anwendungsfällen ist eine einfache, d.h. ohne großen Rechercheaufwand, Identifikation von benachbarten unterirdischen Leitungslagen erforderlich, was ohne die Möglichkeiten der Digitalisierung kaum umsetzbar ist. Bezogen auf den ersten Anwendungsfall, nutzen mittlerweile alle vier Übertragungsnetzbetreiber Strom und nahezu alle Pipelineunternehmen (Chemie, Öl, Gas) das durch die BIL eG zur Verfügung gestellte Anfrageportal zur Feststellung und Vermeidung der gegenseitigen induktiven Beeinflussung.

Die Digitalisierung und deren Möglichkeit zur Vereinfachung und Beschleunigung von Geschäftsprozessen mit hohem Kommunikationsbedarf ist hier keine Einzelaufgabe, sondern Chance und Verpflichtung zur Zusammenarbeit und kann nur gemeinschaftlich gelöst werden.

Vorstände Dipl.-Ing. Jens Focke, RA Markus Heinrich im Namen der BIL eG

 

 

Am BIL-Portal teilnehmende Unternehmen:
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[1]  Braucht Deutschland ein Gesetz zur Leitungsauskunft?, Business Geomatics 2/2019, S. 2-3, Krückel, P. und Grebe, S.